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Vertreiben die Alten den Nachwuchs aus dem Amateurfunk?

DL2YMR analysiert basierend auf einer Reddit-Diskussion die Gründe für den mangelnden Zuwachs junger Menschen im Amateurfunk. Dabei werden moderne technische Trends, finanzielle Hürden sowie die Kommunikationskultur in Vereinen beleuchtet, um Wege zu finden, wie sich das Hobby an eine veränderte Lebensrealität anpassen kann, ohne dabei bewährtes Fachwissen zu verlieren.

Zum Nachlesen: Transkript des Videos

Vor ein paar Tagen ist auf Reddit eine interessante Diskussion entstanden. Ein Funkamateur Mitte 20 stellte dort eine eigentlich ganz einfache Frage: Wo sind die jungen Funkamateure? Er selbst war einige Jahre kaum aktiv und möchte jetzt wieder stfänker in den Amateurfunk einsteigen. Und dabei würde er gern mehr Leute in seinem Alter kennenlernen. Was ihn besonders wundert: Er studiert an einer Universität und selbst viele Studenten aus technischen Fachrichtungen wissen offenbar kaum, was Amateurfunk überhaupt ist. Teilweise gilt das sogar für angehende Elektroingenieure.

Das sollte uns zumindest nachdenklich machen. Denn wenn sich schon Menschen, die sich für Elektronik, Computer und Technik interessieren, nicht angesprochen fühlen, dann läuft bei der Darstellung unseres Hobbys möglicherweise etwas komplett schief. Unter diesem Beitrag sind inzwischen zahlreiche Antworten zusammengekommen. Ich glaube, im Moment sind es so ungefähr 370 Antworten. Das zeigt natürlich, wie interessant dieses Thema ist.

Natürlich ist eine Reddit-Diskussion keine wissenschaftliche Untersuchung. Trotzdem bekommt man einen recht guten Eindruck davon, wie jüngere Funkamateure den Amateurfunk erleben, und einige Aussagen darin sind durchaus unbequem. Zunächst einmal sollten wir mit einer romantischen Vorstellung aufräumen: Junge Menschen müssen heute keinen Amateurfunk mehr betreiben, um mit jemandem auf der anderen Seite der Welt zu sprechen. Das können sie jederzeit mit dem Smartphone erledigen – mit perfektem Ton, Video und ohne Antenne. Der klassische Satz „Mit Amateurfunk kannst du weltweit kommunizieren“ löst deshalb bei einem 20-Jährigen vermutlich keine große Begeisterung mehr aus.

Die spannende Frage ist für ihn nicht, ob eine Verbindung möglich ist. Spannend ist, wie sie zustande kommt: ohne Mobilfunknetz, über einen selbstgebauten Sender, über einen Satelliten mit sehr kleiner Leistung oder vielleicht sogar über eine selbstgebaute Antenne, die man im Garten aufgestellt hat. Genau an dieser Stelle hat der Amateurfunk noch immer etwas zu bieten, das kein Messenger ersetzen kann. Wir verkaufen ihn nur viel zu häufig mit einem Argument aus einer Zeit, in der ein Auslandstelefonat noch etwas Besonderes war.

Auffällig ist auch, dass junge Funkamateure offenbar durchaus existieren. Man findet sie nur nicht unbedingt dort, wo traditionell nach ihnen gesucht wird. In den Antworten werden Meshtastic, MeshCore, AREDN, APRS, Satellitenfunk, SSTV und andere digitale Anwendungen genannt. Auch POTA und SOTA scheinen Menschen anzusprechen, die nicht unbedingt jeden Sonntagmorgen an einer festen Funkrunde teilnehmen möchten. Wenn dich diese Abkürzungen hier verwirren: Schau mal auf dem Kanal, ich habe da schon einige Videos zu gemacht. Hinzukommen Makertreffen, Hackerveranstaltungen, Hochschulgruppen und Online-Communities.

Das ist im Grunde gar nicht überraschend. Wer heute mit Mikrocontrollern programmiert, Drohnen baut, Sensoren miteinander vernetzt oder kleine Computer wie den Raspberry Pi einsetzt, beschäftigt sich häufig längst mit Funktechnik. Diese Leute nennen das, was sie tun, nur nicht unbedingt Amateurfunk. Vielleicht fehlt es also weniger an Interesse am Funk als an der Verbindung zwischen diesen modernen Projekten und dem klassischen Amateurfunk.

Ein weiterer Punkt ist das Geld. Mit einem günstigen Handfunkgerät kann man zwar anfangen, aber der wirklich interessante Einstieg in die Kurzwelle wird schnell teuer. Transceiver, Netzteil, Antennentuner, Kabel und Messmittel, um nur einige zu nennen, summieren sich. Selbst gebrauchte Geräte werden teilweise zu erstaunlich hohen Preisen gehandelt. Dazu kommt die Wohnsituation. Wer Anfang 20 ist, lebt häufig in einer kleinen Wohnung, in einem Studentenwohnheim oder noch bei den Eltern. Ein eigener Garten mit Platz für einen Mast oder mehrere Antennen ist da eher selten.

Wenn ein Einsteiger dann hört, dass er für eine vernünftige Station einen 100-Watt-Transceiver und eine möglichst große Antennenanlage benötigt, dürfte sich das Thema für manchen bereits erledigt haben. Dabei könnten gerade portable Stationen, kleine Antennen, QRP-Geräte und unkomplizierte digitale Projekte einen Zugang schaffen. Natürlich ist QRP nicht immer einfach, aber es ist möglicherweise attraktiver, mit einer kleinen Station draußen etwas auszuprobieren, als jahrelang von der perfekten Funkstation zu träumen, für die weder Platz noch Geld vorhanden ist.

In der Diskussion wird außerdem deutlich, weshalb ältere Funkamateure in der Öffentlichkeit sehr viel sichtbarer sind. Sie haben oft mehr Zeit, mehr Platz und inzwischen auch die finanziellen Möglichkeiten für dieses Hobby. Ein Student, ein Berufseinsteiger oder jemand mit kleinen Kindern kann nicht unbedingt am Dienstagvormittag zum Vereinstreffen kommen oder mehrere Stunden auf eine seltene DX-Station warten. Das bedeutet aber nicht, dass jüngere Leute grundsätzlich kein Interesse haben. Ihre Lebenssituation sieht einfach anders aus. Vielleicht sind sie nur gelegentlich aktiv, bauen ein Projekt auf, nutzen digitale Übertragungsverfahren oder treffen sich überwiegend online. In der klassischen Vereinsstatistik und auf der täglichen Funkrunde fallen sie dadurch kaum auf.

Der unangenehmste Teil der Diskussion betrifft die Vereine und den Umgang miteinander. Mehrere jüngere Funkamateure berichten von veralteten Internetseiten, unbeantworteten E-Mails und Gruppen, in die man es als Außenstehender nur schwer schafft hineinzukommen. Einer erzählt sogar von einem Verein, bei dem ein neuer Bewerber zunächst die Unterschriften von vier Mitgliedern benötigt. Das sind zwar amerikanische Erfahrungen und sie lassen sich nicht unbedingt pauschal auf Deutschland übertragen, aber die grundsätzliche Frage sollten wir uns auch hier stellen: Was erlebt ein Interessierter, wenn er heute zum ersten Mal Kontakt mit einem Ortsverband aufnimmt? Bekommt er zeitnah eine freundliche Antwort? Ist auf der Internetseite erkennbar, wann und wo man sich trifft? Kann er einfach vorbeikommen und beschäftigt man sich dort mit Dingen, die ihn auch interessieren könnten?

Ein Hinweis auf einen monatlichen Stammtisch reicht möglicherweise nicht mehr aus. Wer sich für Funktechnik interessiert, möchte etwas sehen und ausprobieren. Eine Satellitenverbindung, ein kleiner Peilsender, SSTV, eine selbstgebaute Antenne oder ein gemeinsamer Portabeleinsatz vermitteln sehr viel schneller, was den Amateurfunk besonders macht.

In einigen Kommentaren wird auch von einer ablehnenden Haltung gegenüber neuer Technik berichtet. FT8 sei kein richtiger Funk, der Computer mache ja alles, früher habe man noch richtig gelernt und moderne Geräte seien ohnehin nur noch Computer mit Antennenanschluss. Solche Aussagen kennt wahrscheinlich jeder von uns. Natürlich darf man FT8 langweilig finden, man muss sich auch nicht für Meshtastic, digitale Sprache oder Software Defined Radio begeistern. Problematisch wird es erst, wenn anderen Funkamateuren abgesprochen wird, dass ihre Form des Hobbys genauso berechtigt ist. Ein junger Mensch, der über Software und digitale Übertragungsverfahren zum Funk kommt, ist kein schlechterer Funkamateur. Vielleicht interessiert er sich später zusätzlich für Sprechfunk, Telegrafie oder den Selbstbau eines klassischen Empfängers. Diese Entwicklung kann aber nur stattfinden, wenn wir ihn nicht schon an der Eingangstür darüber belehren, was angeblich richtiger Amateurfunk ist.

Auch das Verhalten auf den Bändern spielt eine Rolle. Einige Teilnehmer der Diskussion berichteten von politischen Tiraden, persönlichen Anfeindungen und Gesprächen, bei denen sie sofort weitergedreht haben. Das betrifft sicher nur einen kleinen Teil der Funkamateure, aber dieser kleine Teil ist manchmal besonders laut. Wer zum ersten Mal ein Band abhört, kann nicht wissen, dass der Amateurfunk noch aus sehr viel mehr besteht. Er hört nur das, was gerade ausgestrahlt wird, und bildet sich daraus sein Urteil.

Bei all der Kritik gibt es allerdings auch ausgesprochen positive Beispiele. Ein Kommentator z. B. berichtet von einem Hochschulclub, der jedes Jahr zahlreiche Studenten zur Prüfung bringt. Dort entstehen technische Projekte, Abschlussarbeiten und sogar größere Funknetzwerke. Ein anderer erzählt von einem Jugendlichen, der durch die Übertragung von Bildern per SSTV begeistert wurde und später gemeinsam mit Freunden eine Amateurfunkgruppe an einer Schule gründen wollte. Das zeigt: Junge Menschen lassen sich sehr wohl für Amateurfunk gewinnen. Vermutlich funktioniert es aber weniger über lange Erklärungen als über ein konkretes Erlebnis.

In Deutschland haben wir mit der Klasse N inzwischen einen vergleichsweise einfachen Einstieg. Das ist eine große Chance. Die Prüfung allein sorgt jedoch nicht dafür, dass jemand dauerhaft aktiv bleibt. Nach dem Rufzeichen muss möglichst schnell etwas passieren: Der erste Kontakt, ein kleines Experiment, eine selbstgebaute Antenne oder ein gemeinsamer Portabeleinsatz. Wer nach bestandener Prüfung lediglich ein Handfunkgerät kauft, auf den örtlichen Relais nichts hört und anschließend keine Idee hat, wie es weitergeht, verliert möglicherweise schnell das Interesse.

Für mich ist deshalb nicht nur die Frage wichtig, wo die jungen Funkamateure sind. Wir sollten uns auch fragen, was sie bei uns vorfinden, wenn sie tatsächlich kommen. Müssen sie sich zunächst an bestehende Abläufe anpassen oder sind wir bereit, ihre Ideen ernst zu nehmen? Lassen wir jemanden ein neues Projekt vorstellen, auch wenn wir selbst davon noch nie gehört haben, und können wir akzeptieren, dass Amateurfunk im Jahr 2026 anders aussehen darf als vor 30 oder 40 Jahren?

Das bedeutet nicht, dass wir alles Traditionelle über Bord werfen müssen. Gerade das Wissen erfahrener Funkamateure ist unglaublich wertvoll. Antennentechnik, Hochfrequenz, Fehlersuche und praktische Erfahrung lassen sich nicht durch eine App ersetzen. Interessant wird es doch genau dann, wenn dieses Wissen mit neuen Ideen zusammenkommt. Vielleicht brauchen wir deshalb keine künstliche Trennung zwischen jungen und alten Funkamateuren. Wir brauchen Orte, an denen Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen gemeinsam etwas tun können. Der Amateurfunk wird vermutlich nicht dadurch attraktiv, dass wir ihn krampfhaft jugendlich präsentieren. Er wird attraktiv, wenn er offen, praktisch und neugierig bleibt.

Mich würde deshalb interessieren: Wie alt wart ihr, als ihr eure erste Amateurfunkprüfung abgelegt habt? Was hat euch damals begeistert und gab es einen Moment, an dem ihr beinahe wieder aufgehört hättet? Schreibt das gerne in die Kommentare hier unter dem Video. Besonders interessieren mich dabei die Erfahrungen der jüngeren Funkamateure: Wo seid ihr aktiv? Welche Bereiche reizen euch? Und was müsste sich ändern, damit ihr euch in einem Verein oder einer Funkgemeinschaft wirklich willkommen fühlt?

Ich bedanke mich fürs Zuschauen. Freut mich, dass ihr wieder bis hierhin dabei wart. 73 und ich freue mich, euch hier auf dem Kanal bald wiederzusehen.

Quelle: DL2YMR – Vielen Dank für die Genehmigung den Content bei HB9ID zu verwenden